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Panama Papers: Durchbruch des Kampagnen-Journalismus

von Attila Söder – 11. April 2016

 

Die „Panama Papers“ sind nicht die erste Leak-Story der SZ. Vor etwas mehr als einem Jahr brachte das Blatt mit den „Swiss Leaks“ die Daten des Whistleblowers Hervé Falciani heraus. Dieses Jahr ist jedoch alles eine Nummer größer – sowohl die Datenmenge als auch ihre Inszenierung.

 

Kampagne mit eigener Bildwelt und Logo

Erstes Zeichen für eine Kampagne: kohärente Bildwelt und Kampagnenlogo. Die SZ setzt dabei auf handgezeichnete Illustrationen und Emotionalität. Das Logo könnte aus dem amerikanischen Wahlkampf stammen.

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Medien für alle Zielgruppen

Die Kampagne setzt ein breites und gut austariertes Medienportfolio ein. Besonders gelungen ist die Übersetzung der Inhalte für verschiedene Zielgruppen: Die NDR-Doku für das ARD-Abendpublikum, der "Explain like I'm five'-Post für die jungen Leser von jetzt.de, die vorbildlich mobil optimierte Microsite mit Sharing-Funktion für What App – das und mehr in der ersten Woche seit Kampagnenstart.

Interessant ist nun zu beobachten, wie die begonnene Mobilisierung (z. B. Isländer protestieren, Gunnlaugsson tritt zurück) medial wieder neu aufbereitet wird, um die Kampagne weiterzutragen.

 

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Wirkungsvolles Mashing der Medien

Das Zusammenspiel der Maßnahmen ist vorbildlich. Die Mobilisierung externer Betroffener („Angeklagte“, Bürger, Politik) ersetzt in der Mashing-Landkarte die persönliche Kommunikation der SZ und bringt die Kampagne so von der medialen in die reale Welt.

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Dramaturgisch geschickt wurde die „Panama Papers“-Kampagne über die erste Woche hinweg aufgebaut – nicht von der SZ alleine, sondern gemeinsam mit WDR und NDR im Rechercheverbund. Nach dem Auftakt in der Tagesschau und der anschließenden Anne Will-Sendung folgten grob gesagt am Montag das Thema „Politiker & Mächtige“ und eine Reportage in der ARD, die der Tradition der Filme von Michael Moore folgen wollte. Am Dienstag waren dann „Manager & Banken“ an der Reihe, dazu gab es spannende Nebenstorys wie die des Agenten Werner Mauss. Am Mittwoch schließlich gelingt die Verselbstständigung: In Island führen Proteste dazu, dass Premier Gunnlaugsson seinen Rücktritt ankündigt, am Donnerstagabend gerät in Großbritannien David Cameron in Erklärungsnot. Am Sonntag legt der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble einen 10-Punkte-Plan gegen Steueroasen vor. All dies wird wiederum Berichtsgegenstand der SZ und hält die Kampagne am Laufen.

 

Künftig mehr Datenjournalismus?

Wirtschaft ist für Journalisten eine besondere Zumutung. Die inhaltliche Komplexität der Themen kollidiert mit dem eigenen Geltungsanspruch, die Ökonomik leistet nicht den erwarteten Aufklärungsauftrag. Journalisten müssen ihre Gatekeeper-Rolle selbst erringen,  die Digitalisierung wirkt als Katalysator im negativen Sinne.

Big Data bzw. Datenjournalismus kommt als neue Option daher gerade richtig. Nur wenige Akteure dürften finanziell, technisch und fachlich dazu in der Lage sein, ein Datenleak im Umfang von 2,6 Terrabyte auszuwerten, in Storys aufzugliedern und so wie beschrieben zu inszenieren. Durch diese Form der investigativen Arbeit, durch die Sammlung von Storys und ihre Inszenierung in Kampagnen, können große Verlage ihren durch den digitalen Wandel in Gefahr geratenen Führungsanspruch im Journalismus zurückgewinnen.

Gut möglich, dass wir künftig mehr Kampagnen-Journalismus sehen. Die „Panama Papers“ sind dabei nun der Benchmark.

 

 

Bildquelle: dennizn/Shutterstock.com