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Urlaub: Den Storytelling-Speicher aufladen!

von Jörg Pfannenberg – 16. August 2016

 

Wie wär’s damit: Sie fahren mit dem Fahrrad durch ein Dorf und durch einen Bambuswald zum Strand. Am Ende des Strands steht ein Holzhaus mit einem kastenförmigen Anbau. Wir schließen die Fahrräder ab und betreten das Holzhaus. Zwei freundliche junge Mitarbeiter in weißen Kitteln begrüßen uns. Sie fragen: „Wollen Sie Ihren Herzschlag aufnehmen?“ „Warum?“ „Wir nehmen es auf, dann kommt Ihr Herzschlag ins Archiv zu all den anderen Herzschlägen von tausenden Menschen aus aller Welt. Dann ist Ihr Herzschlag für die Nachwelt überliefert, als Zeichen für Ihre Existenz. Und andere Besucher können ihn anhören.“ „Vielleicht.“ Zuerst gehen wir in die dunkle Kammer mit den Herzschlägen. Wir hören ganz laut die Herzschläge von anderen Menschen, und dazu sehen wir in derselben Frequenz ein schwaches Lichtsignal. Wir tasten uns vor. Nach einer Weile weiß unser Herz nicht mehr, was es tun soll: Dem eigenen Rhythmus oder dem der anderen Herztöne folgen. Wie betäubt gehen wir hinaus und sehen die Kabinen, ähnlich wie in einem Sprachlabor. Wir setzen die Kopfhörer auf und blättern auf dem Computer in dem Verzeichnis der Herztöne. Alle Herztöne sind mit Namen, Ort und Zeit aufgelistet. Wir wählen verschiedene Herztöne aus und versuchen, die Unterschiede zu erkennen. Ich höre mir Herztöne aus Berlin an, meine Frau die Herztöne von Frauen aus Nordjapan, die denselben Vornamen tragen wie sie selbst. Wir verbeugen uns vor den beiden Assistenten mit den Kitteln. Leicht geblendet gehen wir den Strand entlang zurück zu den Fahrrädern, ohne ein Bad zu nehmen.

Ein Traum? Ja, aber nicht von mir erfunden. Es handelt sich um ein Kunstwerk des französischen Künstlers Christian Boltanski „Les Archives du Coeur“. Ich habe es mir angesehen im Rahmen der Setouchi Triennale, dem größten japanischen Kunstfestival. Inzwischen sind dort – rund um das berühmte Kunstmuseum der Benesse-Stiftung, entworfen von Tadao Ando – rund 130 Kunstwerke zu sehen, verstreut auf sieben Inseln und weitere Häfen der Inneren See.

Jedenfalls habe ich weitere Geschichten gesammelt. Denn Storytelling wird Wirklichkeit mit Geschichten, die Story-Elemente aufweisen: Perspektivfiguren in Handlung, interessante/ganz merkwürdige Details, Raumstruktur als Struktur von gesellschaftlichen Werten, Sujet vs. Bedeutungsebene, Mehrdeutigkeit für offene Interpretation („Bitte nicht moralisch oder appellativ werden!“). Eine gute Story kann situativ in der Situation eingesetzt und abgewandelt werden, z. B. in der Mitarbeiterführung oder im Kundengespräch.

Wenn Sie mich anrufen und mir eine gute Geschichte erzählen, verspreche ich: Ich habe noch ein paar gute Stories aus dem Urlaub mitgebracht!

Und übrigens: Am 15. September tritt im Rahmen des JP KOM Art after Work in Frankfurt die Gruppe Usaginingen auf, die ich ebenfalls auf der Insel Teshima kennengelernt habe.

Vorbericht und Einladung folgen.

 

Bildquelle: Yasuhide Kuge (http://setouchi-artfest.jp/en/artworks-artists/artworks/teshima/25.html)